Julia Kohler: Architekturpsychologie bei der Schreinerei Liebwerk – wie Möbel unser Wohngefühl steuern
Warum fühlt sich ein Raum manchmal eng an, obwohl er groß ist? Und ein anderer geborgen, obwohl er klein ist? Bei der Schreinerei Liebwerk in Salem sucht man die Antwort dort, wo sich Handwerk und Psychologie begegnen. Julia Kohler beschäftigt sich mit Architekturpsychologie – mit der Balance zwischen Monotonie und Reizüberflutung, mit dem Prinzip von Prospect & Refuge und mit der Frage, was ein Mensch in einem Raum wirklich braucht. Ihre Überzeugung – was im Großen für ganze Gebäude gilt, entscheidet im Kleinen auch über ein einzelnes Möbelstück! Eine Haltung, mit der wahrhaftige Wohnqualität entsteht.
STILPUNKTE: Was genau versteht man unter Architekturpsychologie – und wie sind Sie bei Liebwerk darauf gekommen, sich genau damit zu beschäftigen?
Julia Kohler: Die Architekturpsychologie ist eine Lehre, die schon in den 1960er Jahren entstand. Damals fand der Ansatz „Design with people in mind“ mehr und mehr Beachtung in der Architektur. Knapp dreißig Jahre später wurde die heilende Wirkung von Räumen wahrgenommen. Die Architekturpsychologie vereint die Wissenschaft vom Bauen mit der Wissenschaft vom Menschen. Sie ist die „Wissenschaft von Lebensraum“, wenn man so will.
Ich beschäftige mich seit über zwanzig Jahren mit Einrichtungen und der Wirkung von Räumen auf uns Menschen. Das Gefühl, dass sich der eine Raum nach Zuhause anfühlt und ein anderer gar nicht, war mir vertraut – aber ich konnte es nie greifen und erklären. Auch bei den Planungen für unsere Kunden gelang es uns intuitiv, dieses Daheim-Gefühl zu erzeugen. Warum das so war, wussten wir auch da nicht.
Dann bin ich auf einen Vortrag über Architekturpsychologie von Katharina Kassner gestoßen. An dem Abend hatte ich mein größtes AhaErlebnis. Viele Dinge gaben plötzlich Sinn und wurden für mich greifbar. Anfang 2026 habe ich dann eine Ausbildung zum Thema bei besagter Katharina Kassner absolviert. Das Gelernte habe ich auf Liebwerk heruntergebrochen und unsere „Architekturpsychologie à la Schreinerei“ definiert. Im Zentrum unserer Herangehensweisen stehen drei einfache Fragen: Was braucht der Mensch? Was braucht der Raum? Und wie passt das zusammen?
Und diese Fragen passen immer. Egal, ob wir einen Tisch bauen, ein Möbel, eine Küche oder eine ganze Einrichtung.
STILPUNKTE: Jetzt wird es spannend – Sie sprechen von der Balance zwischen Monotonie und zu viel Komplexität – lässt sich das am Beispiel einer Gefängniszelle erklären?
Julia Kohler: Ja, genau. Moderne Architektur ist oftmals sehr schlicht. Monochrome Räume, geometrische Formen, klares Design. Solche Räume wirken sehr hochwertig. Das Ding ist aber, dass ihre Monotonie – obwohl sie architektonisch einwandfrei sind – bei Menschen, die sich lange darin aufhalten, zu einer sensorischen Deprivation führen. Also zu einem Mangel an Reizen für die Sinne.
Komplexe Räume dagegen, die sehr verspielt gestaltet sind, eine Vielzahl an Farben, Formen und Materialien vereinen und ein bisschen vollgestopft sind mit bunter Deko, führen schnell zu einer Überforderung. Einfach, weil sie viel zu viele Reize bieten, die wir gar nicht gut verarbeiten können.
Beides tut uns Menschen nicht gut. Daher ist es wichtig, in der Gestaltung die Balance zu finden.
Jetzt stellen Sie sich mal eine Gefängniszelle vor. Ein kleiner Raum ohne Schnickschnack – für die Insassen nicht gut, weil keinerlei sensorische Reize vorhanden sind. Das Potenzial an Aggression und Gewalt nimmt zu. In den 1970er Jahren wurden im Rahmen eines Forschungsprojekts in einer Strafvollzugsanstalt der US-Marine einige Haftzellen rosa gestrichen. Der Forscher Alexander Schauss vertrat die Theorie, dass die Farbe das Verhalten der Insassen positiv beeinflussen könnte. Die Ergebnisse, die er erzielte, gaben ihm recht. Der Farbe Rosa wird eine entspannende und stimmungsaufhellende Wirkung zugeordnet.
Was hat das mit unserer Raumplanung zu tun? Oftmals reicht es, in monotonen Räumen mit ein bisschen Farbe neue sensorische Reize zu setzen und damit das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern. Es muss ja nicht rosa sein. Grün zum Beispiel wirkt inspirierend, Violett fördert die Konzentration, Blau sorgt für geistige Klarheit.
STILPUNKTE: „Prospect & Refuge" – was bedeutet dieses Konzept für ein Wohnzimmer, und wie setzen Sie das um?
Julia Kohler: Das ist eines meiner Lieblingsprinzipien der Architekturpsychologie und ist eng mit der räumlichen Naturlogik verbunden. Es geht zurück auf den Geologen Jay Appleton, der das Wechselspiel von Aussicht (prospect) und Zuflucht (refuge) in den 1970er Jahren in seinem Buch „The Experience of Landscape“ erstmals vorstellte. Das Prinzip beschreibt, warum Menschen bestimmte Räume oder Landschaften als besonders angenehm empfinden und sich in anderen total unwohl fühlen.
Und das hängt mit unseren Vorfahren und unserem evolutionären Erbe zusammen: Ein Platz, der eine gute Sicht auf die Savanne und gleichzeitig Schutz vor Raubtieren oder Angreifern bot, konnte Leben retten und war deswegen heiß begehrt. Wer einen solchen Platz fand, hatte die besten Überlebenschancen.
Genau dieses instinktive Verhalten prägt uns noch heute – sogar in den eigenen vier Wänden. Wir wollen den Überblick haben und die Aussicht genießen, ohne dabei gesehen zu werden und auf dem Präsentierteller zu hocken.
Wir selbst haben das am eigenen Leib erfahren. Als wir unseren Liebhof umgebaut und unterm Dach unser Wohnzimmer eingerichtet haben, stellten wir das Sofa unter das große Dachfenster, um die Aussicht auf den Bodensee und die Berge genießen zu können. Trotz der tollen Aussicht wurde das Sofa nie unser Lieblingsplatz, denn in unserem Rücken befanden sich die offene Fachwerkwand und das Treppenhaus. Wenn man so will, fehlte uns der Schutz, die Rückendeckung.
Erst als wir das Sofa in die gegenüberliegende Ecke des Raums gestellt haben und uns darauf gemütlich unter der Dachschräge einmummeln konnten, fühlten wir uns gut. Wir haben immer noch Aussicht – nicht ganz so gut wie unterm Fenster, aber immer noch schön – und wir haben in der Dachnische unsere persönliche Zuflucht gefunden.
STILPUNKTE: Und was heißt das konkret für die Planungsarbeit bei einem neuen Projekt?
Julia Kohler: Genau hier kommen unsere drei Fragen ins Spiel. Was braucht der Mensch, was braucht der Raum, und wie passt das zusammen? Der Raum würde eigentlich danach schreien, das Sofa so zu stellen, dass die beste Aussicht genossen werden kann. Der Mensch will das vielleicht auch, braucht aber gleichzeitig ein heimeliges Gefühl. Und, sorry to say, hier wiegt das Bedürfnis mehr als der Wunsch.
Es geht unterm Strich um eine bedürfnisorientierte Planung. Für uns heißt das, zwischen Wunsch, Anforderung und Bedürfnis zu unterscheiden.
Wünsche sind sehr persönlich und oft von Trends bestimmt. Anforderungen beschreiben einen funktionalen Bedarf. Bedürfnisse hingegen sind grundlegend und allgemein gültig. So haben alle Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz in sich – beim einen stärker ausgeprägt, beim anderen schwächer.
Wir setzen also die unverhandelbaren menschlichen Bedürfnisse an erste Stelle, gefolgt von Anforderungen und Wünschen. So entsteht eine passgenaue Planung.
STILPUNKTE: Welche Rolle spielen Haptik, Vielseitigkeit und Proportionen in den Arbeiten von Liebwerk?
Julia Kohler: Der Mensch fühlt, bevor er denkt. Das Wirken von Räumen wird intuitiv wahrgenommen. Innerhalb von weniger als einer Sekunde spüren wir körperlich, ob wir uns wohlfühlen oder nicht. Da haben wir noch nicht einen Gedanken an das Design der Möbel verschwendet.
Dieses intuitive Wohlgefühl können wir mit der richtigen Wahl der Materialien, einer bewussten Vielseitigkeit und guten Proportionen unterstützen. Holz als solches bringt sehr viel Natürlichkeit mit, sowohl in punkto Haptik als auch beim Geruch. Es werden gleich zwei Sinne angesprochen: das Fühlen und das Riechen.
Vielseitigkeit und stimmige Proportionen helfen uns, den Raum schnell zu verstehen. Unser Blick wird geleitet und wir finden uns schnell zurecht, weil wir den Raum lesen können. Und doch bleibt uns noch ein Quäntchen Neugier, da es in der Vielseitigkeit immer wieder was zu entdecken gibt.
All das versuchen wir in unseren Planungen zu berücksichtigen: Holz und natürlicheMaterialien für die Sinne, eine lesbare Anordnung für die Orientierung und ein bisschen Mystery für den Entdeckergeist.
STILPUNKTE: Was im Großen für Architektur und Städtebau gilt – gilt das auch im Kleinen, bei einem einzelnen Möbelstück?
Julia Kohler: Mit ein bisschen Fantasie schon. Bei Liebwerk planen wir einzelne Tische und Möbel, manchmal einen ganzen Raum, aber nur selten eine komplette Einrichtung. Deswegen ist es für uns wichtig, das große Feld der Architekturpsychologie aufs Schreinerhandwerk herunterzubrechen. Das meiste, was wir hier schon besprochen haben, lässt sich auf Tisch und Möbel übertragen.
Allein das Thema Monotonie und Komplexität – eine Tischplatte ist dann richtig gut, wenn sie die richtige Balance findet. Nicht zu langweilig, nicht zu überladen mit Effekten.
Das soll allerdings nicht heißen, dass wir unsere Planungen wahnsinnig aufbauschen. Klar, wir stellen mehr Fragen als vor der Ausbildung, und das ist gut so. Viele Aspekte fließen dann automatisch in unsere Beratung ein und das hilft uns dabei, das richtige Möbel für unsere Kunden zu gestalten. Eines, das nicht im Kopf entsteht, sondern auf emotionaler Ebene: Form follows feeling.
STILPUNKTE: Das Statement von Liebwerk lautet: „Lieber stellen wir dir kein Möbel ins Haus als irgendeins.“ Was steckt hinter dieser Haltung?
Julia Kohler: Das bringt all das, was wir über Architekturpsychologie à la Schreinerei besprochen haben, auf den Punkt. Wenn wir die richtigen Fragen stellen, kommt am Ende das richtige Möbel raus. Wir sind nicht besonders gut in anonymen Anfragen, die rein über den Preis entschieden werden. Uns interessiert nicht primär der Auftrag, uns interessiert der Mensch dahinter.
Wenn es uns nicht gelingt, das Bedürfnis hinter dem Wunsch zu erkennen, bleibt ein Möbel beliebig. Das wollen wir nicht.
Uns ist klar, dass das nicht für jedermann passt. Wer sich aber mit uns auf die emotionale Ebene einlässt, ist bei uns genau richtig – in Salem, bei der Schreinerei Liebwerk!
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Architekturpsychologie bei Liebwerk konkret?
Architekturpsychologie verbindet bei Liebwerk die Wissenschaft vom Bauen mit der vom Menschen. Julia Kohler nennt das eine „Architekturpsychologie à la Schreinerei“, die mit drei Fragen arbeitet: Was braucht der Mensch, was braucht der Raum, und wie passt das zusammen? So entstehen Möbel und Räume mit emotionaler Wirkung.
Welche Farben nutzt Liebwerk für mehr Wohlbefinden?
Liebwerk setzt Farben gezielt als sensorische Reize ein. Rosa wird eine entspannende und stimmungsaufhellende Wirkung zugeschrieben, Grün wirkt inspirierend, Violett fördert die Konzentration und Blau sorgt für geistige Klarheit. Entscheidend ist dabei immer die Balance zum Raum.
Warum spielt Holz bei Liebwerk eine so große Rolle?
Holz spielt bei Liebwerk eine zentrale Rolle, weil es Natürlichkeit über Haptik und Geruch vermittelt. Der Werkstoff spricht damit gleich zwei Sinne an: Fühlen und Riechen. Zusammen mit natürlichen Materialien, guter Proportion und lesbarer Anordnung unterstützt Holz Orientierung und Wohlgefühl.
Warum sind monotone Räume für Menschen problematisch?
Monotone Räume können bei längerem Aufenthalt zu sensorischer Deprivation führen. Dann fehlen dem Gehirn Reize, obwohl der Raum architektonisch sauber wirkt. Liebwerk setzt deshalb gezielt Farbe, Material und Struktur ein, um Wohlbefinden zu fördern, ohne Räume zu überladen.
Wie funktioniert das Prospect-Refuge-Prinzip im Wohnzimmer?
Das Prospect-Refuge-Prinzip verbindet Aussicht und Zuflucht in einem Raum. Im Wohnzimmer bedeutet das: gute Sicht nach außen, aber gleichzeitig Schutz im Rücken und ein geborgener Platz. Liebwerk erlebte das selbst am Bodensee, als das Sofa erst in der Dachnische wirklich gemütlich wurde.
Julia Kohler
Inhaberin LiebwerkKurzbeschreibung über Julia Kohler
Julia Kohler ist ausgebildete Theaterpädagogin und Texterin. Nach mehreren Stationen im Bereich Marketing und Kommunikation, davon 15 Jahre in der Einrichtungsbranche, rockt sie seit 2021 mit Roland die Schreinerei Liebwerk. An der Schnittstelle von Handwerk, Gestaltung und Architekturpsychologie beschäftigt sie sich mit der Wirkung von Räumen auf uns Menschen.
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