Jürgen Klensang: Lichtplanung für Kirchen - wie moderne Kirchenbeleuchtung Räume erlebbar macht
Wenn Licht Architektur, Geschichte und Glauben verbindet: Ein Gespräch mit dem Experten Jürgen Klensang von Lucente Lichtplanung über die Kunst der Kirchenbeleuchtung.
Kirchen sind faszinierende Bauwerke, doch ihre Inszenierung stellt Planer vor ganz besondere Aufgaben. Wie schafft man es, jahrhundertealte Mauern, spirituelle Atmosphäre und moderne Technik harmonisch zu vereinen? Jürgen Klensang widmet sich dieser Berufung seit über 30 Jahren mit unermüdlicher Leidenschaft. Im Interview gewährt er uns einen tiefen Einblick in seine Arbeit und erklärt, warum ein durchdachtes Beleuchtungskonzept für eine Kirche weit mehr ist als nur das Montieren von Lampen.
STILPUNKTE: Herr Klensang, was macht die Lichtplanung für eine Kirche so besonders? Und wie sind Sie überhaupt dazu gekommen?
Jürgen Klensang: Die Lichtplanung für eine Kirche gehört für mich zu den faszinierendsten und anspruchsvollsten Aufgaben der Architekturbeleuchtung überhaupt. Während bei normalen Bauprojekten meist Funktionalität, Energieeffizienz oder reines Design im Vordergrund stehen, geht es bei der Kirchenbeleuchtung um weit mehr: Licht soll Orientierung geben, die Architektur erlebbar machen und gleichzeitig die spirituelle Atmosphäre eines Sakralraums unterstützen. Ein gelungenes Lichtkonzept für eine Kirche verbindet die Bedürfnisse von Gottesdienst, Kultur und Gemeinschaft. Dabei spielen die historische Architektur, das Tageslicht, die liturgischen Orte sowie die Inszenierung von Kunstwerken eine zentrale Rolle. Das Ziel ist es, die Schönheit und Bedeutung des Raumes sichtbar zu machen, ohne dass sich die Beleuchtung selbst in den Vordergrund drängt.
Mein allererstes Kirchenprojekt vor mehr als 30 Jahren war die Beleuchtung der wunderschönen St.-Dionysius-Kirche in meiner Heimatgemeinde Sittensen. Dieses Projekt hat mich nachhaltig geprägt. Mir wurde damals bewusst, welche enorme Wirkung gutes Licht auf die Wahrnehmung eines Kirchenraums haben kann. Aus diesem ersten Projekt entstanden viele weitere Aufträge in ganz Deutschland und darüber hinaus. Unsere Arbeiten wurden in zahlreichen europäischen Fachzeitschriften veröffentlicht, und sogar der NDR berichtete im Fernsehen unmittelbar vor der Tagesschau über uns.
Hinzu kommt eine sehr persönliche Verbindung: Als gläubiger Christ und Mitglied des Kirchenvorstandes kenne ich Kirchen nicht nur aus planerischer Sicht, sondern auch als Orte des Glaubens und der Besinnung. Was mich nach über drei Jahrzehnten noch immer motiviert, ist der Moment, wenn eine Gemeinde ihre Kirche nach einer neuen Lichtplanung zum ersten Mal erlebt. Wenn Menschen plötzlich architektonische Details neu entdecken und sagen: „So schön haben wir unsere Kirche noch nie gesehen“, dann weiß ich, warum ich diesen Beruf gewählt habe.
STILPUNKTE: Wie gehen Sie an die Entwicklung von einem neuen Lichtkonzept heran und was sind Ihre ersten Schritte vor Ort?
Jürgen Klensang: Am Anfang steht für mich immer das genaue Verstehen des Raumes. Bevor ich überhaupt über konkrete Kirchenleuchten, Lichtfarben oder Steuerungssysteme nachdenke, nehme ich mir viel Zeit, um das Gebäude auf mich wirken zu lassen. Jede Kirche hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Architektur und ein ganz spezifisches Kirchenlicht. Ich frage mich: Welche Bereiche ziehen den Blick auf sich? Wo befinden sich die liturgischen Zentren wie Altar, Ambo oder Taufstein?
Ebenso wichtig sind die Menschen. Deshalb spreche ich frühzeitig mit Pastorinnen und Pastoren, Kirchenvorständen, Küstern und Gemeindemitgliedern. Oft erfährt man dabei, welche Wünsche, Herausforderungen oder auch emotionalen Bindungen mit dem Gebäude verknüpft sind. Eine hervorragende Kirchenbeleuchtung entsteht nicht allein am Schreibtisch, sondern immer im Dialog vor Ort. In den vergangenen 30 Jahren habe ich kleine Dorfkirchen bis hin zu großen historischen Sakralbauten begleitet. Dabei habe ich gelernt: Es gibt keine Standardrezepte, jede Kirche verlangt ihre ganz eigene Lösung. Erst wenn ich die Architektur, die liturgischen Anforderungen und die Atmosphäre verstanden habe, beginne ich mit der eigentlichen Arbeit. Gutes Licht soll den Raum unterstützen – nicht dominieren. Besonders schön ist es, wenn durch ein neues Beleuchtungskonzept Details sichtbar werden, die über Jahrzehnte kaum wahrgenommen wurden. Dann wird Licht zu einem Werkzeug, das Geschichte, Architektur und Glauben miteinander verbindet.
STILPUNKTE: Wie schaffen Sie den Spagat zwischen den verschiedenen Nutzungen, wie zum Beispiel einem klassischen Gottesdienst und einem Konzert?
Jürgen Klensang: Die Anforderungen an eine moderne Beleuchtung für Kirchen haben sich stark verändert. Sie sind heute nicht mehr nur Orte für Gottesdienste, sondern auch wichtige Räume für Konzerte, Vorträge, Ausstellungen und kulturelle Begegnungen. Genau diese Vielfalt macht die Aufgabe so spannend. Der Schlüssel liegt in der Flexibilität. Ein optimales Lichtkonzept für eine Kirche muss unterschiedliche Nutzungsszenarien ermöglichen, ohne den Charakter des Raumes zu verändern.
Während beim Gottesdienst die liturgischen Orte im Mittelpunkt stehen, benötigen Musiker bei einem Konzert ganz andere Lichtverhältnisse – hier geht es um die Sichtbarkeit von Noten, die Wahrnehmung der Künstler und oft auch um die emotionale Inszenierung der Architektur. Deshalb arbeite ich heute nahezu ausschließlich mit intelligenten Lichtsteuerungen und individuell programmierbaren Lichtszenen. So können verschiedene Beleuchtungssituationen auf Knopfdruck abgerufen werden. Dabei ist mir besonders wichtig, dass die Technik im Hintergrund bleibt. Die Besucher sollen nicht die Installation wahrnehmen, sondern den Raum erleben.
STILPUNKTE: Welche technischen oder baulichen Hürden gilt es bei historischen Kirchengebäuden am häufigsten zu überwinden?
Jürgen Klensang: Historische Gebäude gehören zu den anspruchsvollsten Objekten überhaupt. Viele dieser Bauwerke sind mehrere hundert Jahre alt und stehen unter Denkmalschutz. Das bedeutet, dass jede Maßnahme mit größter Sorgfalt geplant werden muss, um die historische Substanz zu erhalten. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, moderne Lichttechnik möglichst unauffällig in die bestehende Architektur zu integrieren. Niemand möchte in einer gotischen oder barocken Kirche sichtbare Kabeltrassen, technische Anbauten oder auffällige Leuchten sehen. Gute Kirchenleuchten zeichnen sich gerade dadurch aus, dass ihre Wirkung wahrgenommen wird, ohne dass sie selbst störend ins Auge fallen. Hinzu kommen die oft enormen Raumhöhen von 15, 20 oder sogar 30 Metern, die besondere Anforderungen an die Planung, aber auch an die spätere Wartung und Zugänglichkeit stellen.
Bei nahezu jedem Projekt arbeite ich eng mit den zuständigen Denkmalbehörden, Architekten und Kirchengemeinden zusammen. Dabei geht es häufig um die Frage, wie moderne Technik eingebaut werden kann, ohne die historische Architektur zu beeinträchtigen. Oft entwickeln wir dafür hochindividuelle, maßgeschneiderte Lösungen. Nach meiner Erfahrung liegt die eigentliche Herausforderung jedoch nicht in der Technik, sondern im respektvollen Umgang mit dem Gebäude. Eine historische Kirche ist weit mehr als ein Bauwerk – sie ist ein Ort mit Geschichte, Identität und emotionaler Bedeutung für die Menschen. Deshalb verstehe ich unsere Arbeit immer auch als Beitrag zum Erhalt und zur Wertschätzung unseres kulturellen und kirchlichen Erbes.
STILPUNKTE: Wenn Sie auf Ihre bisherigen Kirchenprojekte zurückblicken: Was war für Sie persönlich die größte oder spannendste Herausforderung?
Jürgen Klensang: Als Experten für Kirchenbeleuchtung blicken wir auf über 30 Jahre Erfahrung und viele sakrale Projekte zurück. Ein Projekt ist dabei besonders in Erinnerung geblieben: Das moderne Lichtdesign in der gotischen Kirche St. Marien und Bartholomäi in Harsefeld.
Hier war die Raum-Illumination extrem komplex. Es galt, das eindrucksvolle Kreuzgewölbe, die mächtigen Säulen sowie den Altar- und Chorbereich architektonisch präzise in Szene zu setzen und gleichzeitig ein hochflexibles, digital steuerbares Lichtszenen-Management für unterschiedlichste Nutzungen zu realisieren. Die größte Hürde war auch hier der Denkmalschutz: Alle Leuchten mussten komplett rückstandslos demontierbar sein; keine einzige Schraube durfte die historische Substanz beschädigen. Unser eigens dafür entwickeltes Leuchtensystem überzeugte den Denkmalschutz glücklicherweise vollständig, sodass u. a. auch in einer renommierten US-amerikanischen Fachpublikation darüber ausführlich berichtet wurde.
STILPUNKTE: Zum Schluss, Herr Klensang: Was raten Sie einer Gemeinde, die über ein neues Lichtkonzept nachdenkt?
Jürgen Klensang: Haben Sie Mut zur Veränderung, aber bewahren Sie den Respekt vor dem Raum. Licht soll dem Raum erlebbar machen und gleichzeitig die spirituelle Energie eines Sakralraums unterstützen.
Deshalb ist es mir bei Lucente so wichtig, dass die Technik im Hintergrund bleibt. Die Besucher sollen nicht die Beleuchtung wahrnehmen, sondern den Raum erleben. Eine Kirche darf auch bei moderner Lichttechnik niemals ihre besondere Atmosphäre verlieren.
Bildnachweis Titelbild: Foto: Frieda Blickle / ERCO
Häufig gestellte Fragen
Was ist Lichtplanung?
Lichtplanung bedeutet, Räume bewusst mit Licht zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um Helligkeit, sondern um Atmosphäre, Orientierung, Funktion, Energieeffizienz und die Wirkung von Architektur. Ein gutes Lichtkonzept verbindet technische Anforderungen mit ästhetischer Gestaltung und sorgt dafür, dass Räume angenehmer, klarer und gezielter genutzt werden können.
Worauf kommt es bei der Beleuchtung einer Kirche an?
Bei der Beleuchtung einer Kirche kommt es auf eine Balance aus Funktion, Atmosphäre und Respekt vor dem Raum an. Altar, Ambo, Taufstein, Kunstwerke, Wege und Sitzbereiche müssen gut sichtbar sein, ohne dass die spirituelle Wirkung des Kirchenraums verloren geht. Gute Kirchenbeleuchtung unterstützt Architektur und Liturgie, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen.
Wie entsteht ein Lichtkonzept für eine Kirche?
Ein Lichtkonzept für eine Kirche beginnt mit der genauen Analyse des Raums. Dabei werden Architektur, Tageslicht, liturgische Orte, Blickachsen, Kunstwerke, Raumhöhe, Nutzung und technische Möglichkeiten betrachtet. Anschließend werden passende Leuchten, Lichtfarben, Positionen und Steuerungen geplant. Ziel ist eine Beleuchtung, die Gottesdienst, Konzert, Veranstaltung und Besichtigung flexibel unterstützt.
Welche Beleuchtung eignet sich für Gottesdienste, Konzerte und Veranstaltungen?
Für Kirchen mit verschiedenen Nutzungen eignen sich flexible Lichtsysteme mit mehreren Lichtszenen. Beim Gottesdienst stehen liturgische Orte wie Altar, Kanzel oder Taufstein im Mittelpunkt. Bei Konzerten oder Vorträgen werden andere Lichtverhältnisse benötigt, etwa für Musiker, Noten, Bühne oder Publikum. Programmierbare Lichtsteuerungen helfen, passende Beleuchtungssituationen schnell und zuverlässig abzurufen.
Was muss man bei LED-Beleuchtung in denkmalgeschützten Kirchen beachten?
Bei LED-Beleuchtung in denkmalgeschützten Kirchen müssen historische Substanz, Architektur, Denkmalschutz und technische Anforderungen besonders sorgfältig berücksichtigt werden. Leuchten, Kabel und Befestigungen sollten möglichst unauffällig integriert werden. Wichtig sind blendarmes Licht, passende Lichtfarbe, gute Wartbarkeit und Lösungen, die den Raum aufwerten, ohne ihn baulich oder optisch zu beeinträchtigen.
Jürgen Klensang
Geschäftsführer Lucente LichtplanungKurzbeschreibung über Jürgen Klensang
Dipl.-Ing. Jürgen Klensang ist Geschäftsführer von lucente Lichtplanung in Sittensen. Seit 1995 entwickelt er individuelle Lichtkonzepte, die Technik, Design und Atmosphäre verbinden – von der persönlichen Beratung über maßgeschneiderte Planung bis zur präzisen Montage.
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